CharacterofSeptember2021 Tag 6 bis 10: Lieblingsspielzeug und Freunde

„Was war dein liebstes Spielzeug und warum?“, frage ich Ralyana.

„Hm.“ Nachdenklich legt sie die Stirn in Falten. „Aus Knochen, Sehnen und Moos haben wir manchmal Puppen gebaut, aber die waren mir nicht so wichtig.“ Verstohlen blickt sie in das verschlafene Dorf unterhalb, senkt die Stimme zu einem Flüstern, als könnten sie die Bewohner in weiter Ferne hören. „Ich bin gerne zum Heiligtum gegangen. Das sollten wir zwar nicht, aber manchmal konnte ich Oshi überreden, heimlich mit mir dorthin zu gehen.“

„Wer ist Oshi?“

„Oshi? Oshi und ich sind die jüngsten im Lager. Ich bin hier geboren, aber sie hat man bei uns als Säugling ausgesetzt. Ousadaps Söhne wollten sie nicht, weil ihr Rücken schief ist. Aber was soll es? Sie kann genauso wie ich alle Arbeiten verrichten.“ In ihre Miene tritt ein empörter Ausdruck. „Lieber einen schiefen Rücken als eine schlechte Seele. Oshi hat eine gute Seele und Ousadaps Söhne sind Bestien.“

„Dann ist Oshi deine beste Freundin?“

„Mit ihr bin ich am liebsten zusammen, wenn du das meinst. Neben Shae natürlich.“

„Was ist das Heiligtum?“

„Eine Höhle tief im Gebirge. Dort liegen lauter Tote aus den alten Sippen, ganz vertrocknet. Wir haben uns vorgestellt, dass sie noch lebendig seien und wir versuchten, uns in ihre Zeit zu versetzen. Das war ein schönes Gefühl, aber auch unheimlich. Als der Wind durch die Höhle heulte, glaubten wir, die Toten erwachten zum Leben – und wir sind schreiend weg gerannt.“ Sie verzieht den Mund zu einem verschämten Grinsen. „Natürlich weiß ich, dass Tote nicht wieder lebendig werden können.“

CharacterofSeptember2021 Tag 5: Glücklichste Kindheitserinnerung

Trotz des Schattens, den der Felsten mir spendet, klebt mir die Kleidung schweißnass am Körper. Ralyana reicht mir eine Blase, deren lauwarmer Inhalt in meinen Händen hin und her schwappt. Ich nehme einen tiefen Schluck von der nach Algen schmeckenden Brühe und versuche die Tatsache zu ignorieren, dass diese Blase aus den Innereien irgendeines Tieres gemacht wurde. Hoffentlich liegt in dem Bach, aus dem das Wasser stammt, kein Tierkadaver oder irgendwelche Ausscheidungen. „Was ist deine glücklichste Kindheitserinnerung?“, lenke ich mich von den unangenehmen Gedanken ab.

„Glücklichste Kindheitserinnerung?“ Sie blickt angestrengt in den klaren Himmel, an dem die Sonne sich kaum vom Fleck zu rühren scheint. Dann erstrahlt ihre Miene in einem wohligen Lächeln. „Das war, als ich das Manturenfell geschenkt bekommen habe. Ja, da bin ich glücklich gewesen.“ Sie sieht mich nun direkt an. „Ich bin die einzige hier, die noch ein Manturenfell besitzt“, sagt sie stolz. „Das ist etwas Besonderes. Nicht so wie die Felle der Sumaren, durch die man die Kälte und jeden Stein spürt, wenn man darauf schläft. Besonders in der kalten Zeit. Das Manturenfell ist so warm und weich.“ Gedankenverloren streichelt sie über einen bemoosten Stein.

„Wer hat es dir denn geschenkt?“ Bei den Manturen handelt es sich um gigantische Echsen, vielleicht vergleichbar mit einem langhaarigen, vierbeinigen Tyrannosaurus, die in der warmen Zeit in der Ebene und in der kalten Zeit in den Schluchten leben.

„Das war Marise, eine der Alten, genauso alt wie Shae.“ Sie deutet in das Tal auf eine halbverfallene Hütte. „Da hat sie gelebt. Ich habe ihr manchmal geholfen und als sie auf dem Sterbebett lag, hat sie mir das Fell geschenkt. Sie sagte, das habe noch ihre Sippe erjagt, in einer Zeit als die Frauen noch die Macht besessen und es genügend Fleisch zu essen gegeben habe. „

CharacterofSeptember2021 Tag 4: Wer war deine Bezugsperson als Kind?

Ralyana und ich kauern noch immer hinter dem Felsblock und blicken in das Tal mit den ärmlichen Hütten hinunter.

„Wer war deine Bezugsperson als Kind?“, frage ich.

Ihre Miene hellt sich auf, etwas Warmes vertreibt den verbitterten Zug um ihre Mundwinkel. „Shae!“, gibt sie spontan als Antwort. Auf meinen fragenden Blick fügt sie hinzu: „Shae ist die Älteste aller Alten. So alt, dass sie noch in einer Sippe aufgewachsen ist. Das sagt sie jedenfalls. Sie hat noch drei Namen, weißt du? Shae Darganer Magari. Jetzt tragen wir Frauen nur noch einen Namen.“ Sie schaut in eine imaginäre Ferne, als wolle sie einen Blick in die Vergangenheit erhaschen. „Shae war immer für mich da. Sie hört mir zu und … Sie weiß auch, was los ist, ohne dass ich was sage.“

„Du meinst wegen deiner Mutter?“

Ralyana nickt knapp. „Sie ist auch jetzt noch für mich da. Shae, meine ich. Dafür helfe ich ihr, wo ich kann. Ihre Hände …“ Sie hält ihre Finger hoch und bewegt sie flink. „Bei Shae sind sie steif. Vom Alter, glaube ich.“

 

CharactersofSeptember2021 Tag 2 und 3: Wie groß ist deine Familie? Was bedeutet dir Familie?

Heute folge ich Ralyana ein Stück tiefer in das Gebirge. Oberhalb eines Tales verharrt sie geduckt im Schatten eines Felsens und gibt mir zu verstehen, mich ebenfalls zu verstecken.

„Hier lebe ich“, flüstert sie. „Es ist besser, wenn sie dich nicht sehen. Die mögen keine Fremden, jedenfalls niemanden, der nichts zu essen bringt oder nicht verbannt wurde.“

Ich blicke hinunter in ein Tal, durch das sich ein Bächlein schlängelt. Ärmliche Steinbuden, mit Tierhäuten eingedeckt, eine dünne Rauchsäule, die in den klaren Himmel steigt und der Geruch nach verbrannten Pilzen. Ein paar alte Frauen sitzen um ein Feuer herum, eine Greisin mit einer weißen Flusenmähne humpelt einen Pfad entlang.

„Wie groß ist deine …“ Ich stocke mitten im Satz, denn das Wort „Familie“ ist hier nicht angebracht. „Wer ist mit dir verwandt?“, verbessere ich, denn auf Sumas kennt man keine Familie, sondern nur Sippen oder Rotten.

„Nur meine Mutter.“ Sie wendet den Kopf ab. „Doch die ist auf Beutefang.“

„Was bedeutet sie dir?“, frage ich vorsichtig.

„Hm. Ich weiß es nicht“, murmelt sie. „Ich glaube, sie mag mich nicht. Sie scheucht mich nur herum, sagt nie etwas Nettes. Wenn ich nichts Essbares bringe, dann rutscht ihr auch schon mal die Hand aus.“

CharacterofSeptember2021 Tag 1: Bitte stell dich uns vor

Für die diesjährige Challenge meiner Autorenkollegin Gabi Büttner habe ich mir einen besonderen Gast ausgesucht, Ralyana aus dem Abschlussband der ALKATAR -Tetralogie, der im Juli erschienen ist.

Ich besuche die junge Frau in ihrer eigenen Welt, auf Sumas, dem kargen Planeten, den einige von euch vielleicht noch aus dem ersten Band kennen. Ralyana zu  mir nach Hause einzuladen, traue ich mich nicht, denn das wäre dann doch ein allzu großer Kulturschock für sie.

Wir haben einen Treffpunkt abseits ihrer Siedlung ausgemacht, auf einem felsigen Hügel. Ich blicke Ralyana entgegen, wie sie leichtfüßig über den steinigen Boden läuft. Barfuß. Ihre Kleidung wirkt zerlumpt, ihre Haut schmutzig und die Haare strähnig. Am Himmel brennt die Sonne und treibt mir den Schweiß aus allen Poren und sogar der laue Wind bringt keinerlei Abkühlung. In der Ferne erkenne ich eine braune Ebene, über die feine Staubwolken wehen.

„He!“ Ralyana bleibt vor mir stehen und blickt mich unsicher an. „Hier bin ich also.“

Ich nicke ihr freundlich zu. „Schön, dass du gekommen bist. Stell dich bitte uns vor.“

„Ich bin Ralyana.“ Sie verzieht das Gesicht. „Eigentlich bin ich nichts Besonderes und da, wo ich wohne, würde es dir nicht gefallen. Ich weiß gar nicht, warum du mich gewählt hast. Ich interessiere doch niemand.“

Ich lächle ihr aufmunternd zu. Sie ist etwas Besonderes, aber das kann ich ihr noch nicht sagen. Und ja, der Ort, an dem sie wohnt, ist wirklich nicht schön. Aber dazu kommen wir später, wenn es mir gelingt, einen Blick in ihr Dorf zu werfen.