CharactersofSeptember2021 Tag 22: Was magst du an deiner Arbeit? Was magst du nicht daran?

„Was ich an meiner Arbeit mag?“, wiederholt Ralyana meine Frage und kratzt sich am Kopf. „Ich helfe gerne. Besonders Shae, weil sie vom Alter ganz steife Finger hat. Ich mahle für sie das Mehl oder schneide Fleisch klein, damit wir es für die Kalte Zeit trocknen können. Es fühlt sich gut an, wenn ich sehe, dass ich ihr dadurch das Leben leichter machen kann. Dafür erzählt sie mir Geschichten. Wie früher alles gewesen ist, als die Frauen noch die Macht besessen haben. Das ist schön und die Arbeit geht leicht von der Hand.“

„Was magst du nicht?“

„Die Streifzüge mit meiner Mutter.“ Ihr Gesicht verdüstert sich. „Wir verfolgen manchmal Ousadaps Jägerrotten. Wenn wir Glück haben, lassen sie Teile von Tieren für uns zurück. Manchmal auch verletzte Sumaren, die ich dann töten soll. Ich hasse das. Wir schleifen dann die Beute zu unserem Lager. Das ist eine Schinderei, denn die Sumaren sind ganz schöne Brocken.“

CharactersofSeptember2021 Tag 21: Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?

Mit Ralyana schleiche ich auf die Rückseite des Dorfes, denn ihre Späher haben Besuch gemeldet, der uns nicht entdecken darf. Sollte ich jetzt nicht lieber Sumas verlassen? Ich weiß, wer da kommt und ich weiß auch, wie unberechenbar sie sind. „Nein“, schimpfe ich mit mir. „Ich darf nicht so feige sein! Außerdem wissen sie ja nicht, dass wir hier sind.“ Um mich zu beruhigen, atme ich mehrmals tief ein und aus: „Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?“, flüstere ich kaum hörbar.

Anstatt mir zu antworten, beobachtet Ralyana wie gebannt den Hügelkamm oberhalb des ärmlichen Dorfes.

Bald schon erkenne ich sieben bullige Männer in Lederkleidung, die Armbrüste auf ihren Rücken tragen. Sie sehen verwahrlost aus, mit langen verfilzten Haaren, wild blitzenden Augen und den geschmeidigen Bewegungen von Raubtieren. Bei ihnen befinden sich vier Frauen, an deren unterwürfigen Blicken ich deutlich erkenne, wer hier das Sagen hat. Hüfthohe affenähnliche Kreaturen mit spitzen Zähnen springen aufgeregt um sie herum, teilweise mit bräunlich verfärbten Bündeln beladen.

„Ousadaps Söhne“, zischt Ralyana. „Sie kommen aus der Stadt in der Ebene, um uns neuen Zuwachs zu bringen.“

Das ist also eine der Jägerrotten mit ihren Jagdgefährten, den Sumaren. Einer der Männer gibt einer grauhaarigen gebeugten Alten einen kräftigen Stoß in den Rücken. Während die Frau ein Stück den Hügel hinunter stolpert, lässt er seinen Blick prüfend über die geduckten Hütten unterhalb schweifen. Die Mulde in meinem Rücken kommt mir plötzlich so winzig vor, der Ort wie eine Falle. Warum bin ich nochmal hier geblieben? Doch der Kerl verliert rasch das Interesse, brummt seinen Leuten etwas zu, worauf die Sumaren ihre Bündel abladen und sich die Meute wieder entfernt. Die Dorfbewohner strömen den Hügel hinauf, scharen sich um die Bündel und die Neue, die gebeugt und mit hängendem Kopf stehengeblieben ist.

„Wenn sie jemand hier abladen, bringen sie auch ein paar Almosen mit“, sagt Ralyana bitter. „Meist zähes Fleisch von irgendeinem ihrer an Altersschwäche gestorbenen Bullrocks. Doch wir sind über alles froh.“

„Was wolltest du früher einmal werden?“, wiederhole ich die Frage und atme erleichtert aus.

„Ich wollte immer zu einer der Rotten gehören.“

„Zu einem dieser wilden Haufen und rohen Mannsbilder?“

Sie blitzt mich wütend an. „Bei denen hungert man wenigstens nicht und wird beschützt. Außerdem darf man die kalte Zeit in der Stadt verbringen. Ich könnte Kinder kriegen. Aber keiner der Jäger weiß, dass es mich gibt. Ich bin hier geboren, musste mich immer verstecken. Meine Mutter sagt, die Jäger seien alles Bestien und ich muss mich von ihnen fernhalten.“ Sie wiegt nachdenklich den Kopf. „Ich kann das nicht glauben. Nicht alle von denen können bösartig sein.“

 

CharactersofSeptember Tag 11 – 20: Weltsicht und schlechte Angewohnheit

Während ich darüber brüte, wie ich Ralyana einer der heutigen Fragen „Bist du optimistisch/realistisch/pessimistisch und warum?“ in für sie verständlichen Begriffe verpacke, schaut sie verträumt nach oben, als spiele sich zwischen der blauen Unendlichkeit des Himmels und der gleißenden Sonnenscheibe eine spannende Geschichte ab. „Wie stellst du dir deine Zukunft vor?, ringe ich mich schließlich zu einer Formulierung durch.

„Hm?“ Sie schaut mich irritiert an, auch ein wenig vorwurfsvoll, als hätte ich sie bei etwas Wichtigem gestört.

„Deine Zukunft. Was meinst du, wie sie aussehen wird?“

„Zukunft?“ Ein Schatten huscht über ihre Miene. „Wie soll die schon aussehen? Ich werde hier leben, bis ich selbst alt und vertrocknet bin. Vielleicht erwischt mich auch ein Manture,  ein Sadoso oder ein halbverhungerter Bullrock vorher. Wer soll das schon wissen?“ Die Worte klingen nüchtern, fast schon unbeteiligt.

Also schätzt sie ihre Lage ziemlich realistisch ein, denke ich bei mir. Ihr Leben ist wirklich trostlos und ich würde ihr gerne sagen, dass es nicht für immer so bleiben wird. Stattdessen frage ich: „Welche schlechte Angewohnheit würdest du gerne loswerden?“

„Hm. Ich will eigentlich gar nichts loswerden.“ Sie schaut wieder in den Himmel. „Aber meine Mutter … und ja auch Shae … und die anderen.“ Sie wischt sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Oft sagen sie, ich verplempere Zeit, bringe nicht genug Essen, bin nicht schnell genug. Shae nennt mich oft Trödelmeisterin. Das mag ich gar nicht.“ Sie verstummt mit einem Anflug von Trotz um ihre Mundwinkel.

„Und? Haben sie recht?“

Sie sieht mich schweigend an.

„Ich bin nicht hier, um dir Vorwürfe zu machen“, sage ich mitfühlend. „Warum trödelst du so oft?“

Sie zögert. „Du bist die Erste, der ich das sage, weißt du? Bei den anderen muss ich immer Ausreden erfinden, warum ich so viel Zeit für manche Dinge benötige.“ Mit einem zaghaften Lächeln sagt sie: „Wenn ich auf Nahrungssuche gehen soll, lege ich mich manchmal in den Schatten und stelle mir mein Leben anders vor. Wie es früher zur Zeit der Sippen gewesen wäre. Das ist schön und hilft mir, meine Mutter besser zu ertragen.“

„Du träumst und erfindest Ausreden dafür?“

„Naja, ich versuche es. Aber Shae merkst das meist … und meiner Mutter kann ich auch nichts vormachen. Doch sie fragen nicht weiter. Meine Träume gehen niemanden was an.“

„Hast du Angst vor dem Tod?“

„Nein“, erwidert sie spontan. „Wir werden geboren, um irgendwann zu sterben. So ist das halt. Jedes Tier stirbt, das eine früher, das andere später. Wen kümmert es?“

CharacterofSeptember2021 Tag 6 bis 10: Lieblingsspielzeug und Freunde

„Was war dein liebstes Spielzeug und warum?“, frage ich Ralyana.

„Hm.“ Nachdenklich legt sie die Stirn in Falten. „Aus Knochen, Sehnen und Moos haben wir manchmal Puppen gebaut, aber die waren mir nicht so wichtig.“ Verstohlen blickt sie in das verschlafene Dorf unterhalb, senkt die Stimme zu einem Flüstern, als könnten sie die Bewohner in weiter Ferne hören. „Ich bin gerne zum Heiligtum gegangen. Das sollten wir zwar nicht, aber manchmal konnte ich Oshi überreden, heimlich mit mir dorthin zu gehen.“

„Wer ist Oshi?“

„Oshi? Oshi und ich sind die jüngsten im Lager. Ich bin hier geboren, aber sie hat man bei uns als Säugling ausgesetzt. Ousadaps Söhne wollten sie nicht, weil ihr Rücken schief ist. Aber was soll es? Sie kann genauso wie ich alle Arbeiten verrichten.“ In ihre Miene tritt ein empörter Ausdruck. „Lieber einen schiefen Rücken als eine schlechte Seele. Oshi hat eine gute Seele und Ousadaps Söhne sind Bestien.“

„Dann ist Oshi deine beste Freundin?“

„Mit ihr bin ich am liebsten zusammen, wenn du das meinst. Neben Shae natürlich.“

„Was ist das Heiligtum?“

„Eine Höhle tief im Gebirge. Dort liegen lauter Tote aus den alten Sippen, ganz vertrocknet. Wir haben uns vorgestellt, dass sie noch lebendig seien und wir versuchten, uns in ihre Zeit zu versetzen. Das war ein schönes Gefühl, aber auch unheimlich. Als der Wind durch die Höhle heulte, glaubten wir, die Toten erwachten zum Leben – und wir sind schreiend weg gerannt.“ Sie verzieht den Mund zu einem verschämten Grinsen. „Natürlich weiß ich, dass Tote nicht wieder lebendig werden können.“

CharacterofSeptember2021 Tag 5: Glücklichste Kindheitserinnerung

Trotz des Schattens, den der Felsten mir spendet, klebt mir die Kleidung schweißnass am Körper. Ralyana reicht mir eine Blase, deren lauwarmer Inhalt in meinen Händen hin und her schwappt. Ich nehme einen tiefen Schluck von der nach Algen schmeckenden Brühe und versuche die Tatsache zu ignorieren, dass diese Blase aus den Innereien irgendeines Tieres gemacht wurde. Hoffentlich liegt in dem Bach, aus dem das Wasser stammt, kein Tierkadaver oder irgendwelche Ausscheidungen. „Was ist deine glücklichste Kindheitserinnerung?“, lenke ich mich von den unangenehmen Gedanken ab.

„Glücklichste Kindheitserinnerung?“ Sie blickt angestrengt in den klaren Himmel, an dem die Sonne sich kaum vom Fleck zu rühren scheint. Dann erstrahlt ihre Miene in einem wohligen Lächeln. „Das war, als ich das Manturenfell geschenkt bekommen habe. Ja, da bin ich glücklich gewesen.“ Sie sieht mich nun direkt an. „Ich bin die einzige hier, die noch ein Manturenfell besitzt“, sagt sie stolz. „Das ist etwas Besonderes. Nicht so wie die Felle der Sumaren, durch die man die Kälte und jeden Stein spürt, wenn man darauf schläft. Besonders in der kalten Zeit. Das Manturenfell ist so warm und weich.“ Gedankenverloren streichelt sie über einen bemoosten Stein.

„Wer hat es dir denn geschenkt?“ Bei den Manturen handelt es sich um gigantische Echsen, vielleicht vergleichbar mit einem langhaarigen, vierbeinigen Tyrannosaurus, die in der warmen Zeit in der Ebene und in der kalten Zeit in den Schluchten leben.

„Das war Marise, eine der Alten, genauso alt wie Shae.“ Sie deutet in das Tal auf eine halbverfallene Hütte. „Da hat sie gelebt. Ich habe ihr manchmal geholfen und als sie auf dem Sterbebett lag, hat sie mir das Fell geschenkt. Sie sagte, das habe noch ihre Sippe erjagt, in einer Zeit als die Frauen noch die Macht besessen und es genügend Fleisch zu essen gegeben habe. „