Aprilsettings2021: Recherchewege

Meine Recherchewege sind zahlreich, aber oft stellt sich das Internet dabei als eine wahre Fundgrube heraus. In meinen Geschichten spielen jedoch reale Schauplätze kaum eine Rolle, sondern es handelt sich, wie etwa bei der ALKATAR-Reihe, um überwiegend erfundene Orte oder, wie bei meinem neuen Projekt, auch um Landschaften aus der Vergangenheit.

Wenn ich einen neuen Schauplatz konstruiere, suche ich erst einmal Im Internet wild alles zusammen, was dazu passen könnte. Auf dem Bild seht ihr einen Auszug der aktuellen Recherche aus meinem DokuWiki, die unsere Erde vor etwa 14.500 Jahren betrifft. Rechts befinden sich die Überschriften, unter denen ich bereits einiges zusammengetragen habe. Dazu gehören auch Texte von Platon, die ich gelesen habe, Theorien über verschiedene Katastrophen, archäologische Funde, Entwicklungsgeschichte des Menschen usw. Meist fasse ich das Gelesene kurz zusammen und vermerke mir den entsprechenden Link auf die Quelle.

Für die spätere Geschichte benötige ich nur einen Bruchteil der gefundenen Informationen, aber bei der Planung einer Geschichte weiß ich zu Beginn noch nicht genau, welche . Ergänzt wird das Recherchematerial durch eigenen Erfahrungen und Bilder.

Welchen Ort aus deinen Büchern würdest du gerne bereisen?

Den ersten Ort, zu dem ich gerne reisen würde, wäre die IGASHU, ein Planetenschiff des Interplanetaren Bundes. Für die Challenge habe ich einen Antrag auf Besuch gestellt, bei Gosheven, dem Initiator des Schiffes. Und was soll ich sagen? Ich habe die Erlaubnis erhalten und freue mich wie ein kleines Kind vor Weihnachten.

Ein Gleiter hat mich abgeholt, heimlich, genauso heimlich wie er mich durch einen von getarnten Portalschiffen geschaffenen Reisetunnel direkt zum Flaggschiff geflogen hat, dieser riesigen spiegelnden Sphäre in der Größe eines kleinen Mondes. Wir gleiten durch ein Schott, das die Größe einer Kleinstadt besitzt, in das Innere des Schiffes. Als ich aussteige, komme ich mir wie eine Maus in einer Kathedrale vor, verloren zwischen unzähligen Schiffen und militärischer Betriebsamkeit.

„Anja!“ Ein Mann in einem fließenden grünen Gewand und zerknittertem Antlitz tritt auf mich zu und deutet eine Verbeugung an. „Naalnish“, stellt er sich vor. „Ich bin der kulturelle Organisator der IGASHU und habe die Aufgabe, dich herumzuführen.“

„Wo ist Alvan?“, rutscht es mir ohne Begrüßung heraus. Irgendwie bin ich enttäuscht, denn ich habe gehofft, dass er mich hier empfängt, jemand Vertrautes, mit dem ich unbeschwert die Gegend erkunden kann.

„Heerführer Alvan ist mit anderen Aufgaben betraut“, sagt er etwas steif, dann überzieht ein sympathisches Lächeln sein Gesicht. „Was willst du zuerst sehen?“

„Das Habitat“, erwidere ich spontan und merke, wie er unauffällig in mir herumschnüffelt, meine Emotionen erkundet, die mich an ein verschrecktes Eichhörnchen erinnern, das seine geliebte Nuss vor die Füße eines freundlichen Wanderers fallen gelassen hat.

„Dann komm!“

Als ich ihm folge, streicht etwas Beruhigendes über meinen Geist, ein wohliges Gefühl von Geborgenheit. „Diese Telepathen“, seufze ich lautlos und fühle mich ihm hilflos ausgeliefert, aber auf eine freundliche Art. Ich folge ihm durch silberfarbene Gänge zu einem Tor, das sich öffnet und den Blick auf ein grünes Paradies freigibt; das Habitat, das Innere der IGASHU, Wohnraum, Ernährungsgrundlage und zur Entspannung der Besatzung. Ich sehe nach oben an einem gleißenden Licht im Zentrum vorbei, suche einen Himmel, den es nicht gibt. Es handelt sich um eine nach innen gekrümmte künstliche Welt, eine riesige Hohlkugel mit Seen, Wäldern, bunten Pflanzenteppichen. Stehe ich etwa auf dem Kopf? Ja, irgendwie schon und die Vernunft sagt mir, dass mich die künstliche Schwerkraft auf dem Boden hält. Trotzdem habe ich das Gefühl, jeden Moment in die Tiefe auf die gegenüberliegende Seite zu stürzen. Mehr als ein „Wow!“, bringe ich nicht zustande, bevor es mir schwindlig wird und ich instinktiv nach einem Halt suche …

 

Sind die Handlungsorte deiner Geschichten real, gibt es Gemeinsamkeiten mit realen Orten oder sind sie frei erfunden?

Nur in Band 1 und 2 der ALKATAR – Tetralogie, wo die Erde in der nahen Zukunft eine Rolle spielt, habe ich eigene Erinnerungen an reale Orte mit Fantasie vermischt. Dadurch sind realistische Handlungsorte entstanden, die mir beim Schreiben leicht von der Hand gingen und mit wenig Arbeitsaufwand verbunden waren.

Doch betrifft dies nur den kleinsten Teil meiner Welten. Oft steckt hinter den Handlungsorten bzw. fremden Planeten ein aufwändiger Weltenbau, der dem Leser das „in einer fremden Welt Gefühl“ vermitteln soll. Je genauer ich das ausarbeite, desto besser finde ich mich auch selbst in dieser Welt zurecht. Das fängt bei der Auswahl des Planeten an (Tag-Nacht-Rhythmus, Landschaftsstrukturen, Flora und Fauna), Gesellschaftssysteme, Ernährungsgrundlage, Kleidung, Wohnen, politische Zusammenhänge, kurz alles, was wir auch hier auf der Erde besitzen, nur fremder und an die jeweilige Spezies angepasst. Mir ist es wichtig, dass alles in sich logisch ist, ich eine Welt mit eigenen Problemen und Grenzen schaffe, die ich beim Schreiben dann auch unbedingt beachten will.

Meine Handlungsorte halte ich dann in einer Datenbank (DokuWiki) fest, in der ich immer wieder nachschlagen kann, wenn ich den Ort bei einem anderen Projekt noch einmal benötigen sollte.

Unten seht ihr die allgemeine Übersicht in meinem DokuWiki. Hinter jedem Punkt verbirgt sich eine Fülle von Informationen und Handlungsorten.

Von der Mallona – Trilogie existiert bisher nur eine erste Recherche, noch nicht einmal der Titel steht so richtig fest.

Welche Feiertage gibt es in deinen Büchern? Sind sie den Charakteren wichtig?

 

Wieder ist Alvan zu Besuch, diesmal an Ostern. Wir sitzen auf der Bank unter dem Kirschbaum und blicken auf den Garten, in dem zaghaft das erste Grün an den Ästen der Bäume und Sträucher sprießt. Die Sonne scheint, ein paar bauchige Wolken ziehen vorbei, aber es ist noch empfindlich kühl, so kühl, dass ich fürchte, unser Weinbergpfirsich und die Aprikose werden auch dieses Jahr keine Früchte tragen. Sie blühen bereits und in den nächsten Tagen ist Nachtfrost gemeldet.

„Heute geht es um deine Feiertage“, sage ich zu Alvan gewandt. „Gibt es welche und sind sie dir wichtig?“

„Auf der IGASHU, dem Planetenschiff, auf dem ich stationiert bin, gibt es keine. Das Volk der Laurasier feiert nach Gelegenheiten, wie etwa bei der Beförderung eines Besatzungsmitgliedes oder dem Empfang einer hochrangigen Persönlichkeit. Ansonsten lieben sie Kulturveranstaltungen, irgendwelche Interessengruppen oder was auch immer …“ Bei dieser Erklärung klingt seine Stimme eher desinteressiert. Hörbar zieht er die Luft in seine Lungen. „Ihr habt hier duftdominante Tiere.“

„Spitzmäuse.“ Obwohl ich nicht Alvans ausgeprägte Sinne besitze, rieche auch ich den moschusartigen Geruch. „Ein paar von ihnen leben im Kompost und helfen uns, die Schnecken zu dezimieren.“ Ich weiß, dass sie direkt vor der Bank im dichten Laub des Waldmeisters eine Art Straße besitzen.

„Gelten Mäuse bei euch nicht als Schädlinge?“

„Nein, diese heißen nur so, sind aber in Wirklichkeit keine, sondern mit Igel und Mauswurf verwandt, also reine Insektenräuber und keine Nagetiere. Sie sind winzig und fast blind. Erst vor ein paar Tagen, als wir den Kompost umgeworfen haben, haben wir eine gesehen, so verletzlich, mit langgezogener spitzer Schnauze und winzigen rosa Pfoten, die wie die Hände eines Menschen aussahen. Sie hat ängstlich gequiekt und sich wieder im Kompost verkrochen. Aber wir haben bei der Aktion ihr Nest zerstört und ich hatte ein schlechtes Gewissen …“

Alvan brummt verstehend

„Wie sieht es auf deiner Heimatwelt mit Feiertagen aus?“

„Du meinst Sumas?“

„Ja.“

„Sumas.“ Plötzlich geht etwas Wehmütiges von ihm aus, eine bedrängende Sehnsucht. „Einst feierte mein Volk zwei wichtige Feste.“ Unter halbgeschlossenen Augen blickt er in eine imaginäre Ferne, scheint in der Zeit weit zurückzureisen. „Wenn unsere Kinder erwachsen wurden, mussten sie beweisen, dass sie allein in der Wildnis überleben können. Wenn sie ihre Initiierung erfolgreich bestanden hatten, wurde zu ihren Ehren ein Fest gefeiert, in deren Verlauf sie das Brandzeichen ihrer Sippe erhielten. Erst dann galt ein Knabe als Mann und wurde als Jäger akzeptiert, eine Frau galt als tragende Säule ihres Volkes.“

„Und das zweite Fest?“, frage ich behutsam, denn ich will ihn nicht weiter in diese schmerzhaften Erinnerungen treiben. Ich weiß, dass auch er einst dieses Ritual durchlaufen und dabei einen herben Verlust erlitten hat. Außerdem mussten alle jungen Männer nach ihrer Initiierung ihre Sippe verlassen, was für Alvan der Beginn eines langen Leidensweges bedeutete.

„Das Equilibrium, das Fest der Jagd.“ Seine Sehnsucht umhüllt uns weiter wie ein dunkles Leichentuch. „Nach den Feierlichkeiten brachen wir in der dunklen Phase zur Jagt auf die Manturen auf, um ihr Wachstum zu begrenzen. Sie ziehen sich zum Schutz vor der kalten Zeit und zur Vermehrung in die Schlucht Adastinare zurück. Dort haben wir sie gestellt.“

„Du würdest gerne in deine Heimat zurückkehren.“ Manturen sind riesenhafte echsenartige Kreaturen, die nur von besonders starken Jägern und Jagdformationen bejagt werden durften. Alvan war einst einer dieser Jäger gewesen.

„Das weißt du ganz genau.“ Seine Augen scheinen einen vernichtenden Blitz auf mich abzuschießen. „Diese verdammten Laurasier verwehren mir die Rückkehr und halten mich durch einen Eid gebunden, den ich vor sehr langer Zeit als eine andere Person geschworen habe.“

 

Und am Schluss zeige ich euch noch die Spitzmaus.

Wie verbringst du Ostern?

Wie ich Ostern verbringe? Ich sehe Alvans amüsiertes Grinsen. Er ist mein wichtigster Protagonist aus der ALKATAR-Reihe, begleitet mich seit meinen Schreibanfängen. Jetzt bis du mal dran, scheint er zu sagen. In die figurbetonte braune Uniform des Interplanetaren Bundes gehüllt, lehnt er mit verschränkten Armen an unserem Kompost und sieht seelenruhig dabei zu, wie ich mehrere Eimer fülle, um sie auf die Beete zu verteilen. Er ist jetzt Offizier, ein hochrangiges Tier mit der Macht, Millionen von Leben auszulöschen.

„Und? Wie verbringst du Ostern?“

„Hier!“ Ich drücke ihm zwei Eimer in die Hand und ignoriere seinen Status und Dominanz. Schließlich haben wir ja gemeinsam schon so einiges durchgestanden und ich weiß, dass er keine Probleme damit hat, sich die Finger schmutzig zu machen. . „Drittes Beet von unten, aber nur so dünn verteilen, dass man die Erde noch durchsieht.“

„So wenig?“, wundert er sich, ohne sich über die ihm zugewiesene Arbeit zu beschweren.

„Jährlich zu viel Kompost bedeutet auch zu viel Phosphat.“ Himmel, was rede ich denn da? Als ob sich ein Heerführer für Düngung interessieren würde. „Wir haben in den letzten Jahren genug Humus eingebracht, auch Gründünger und so. Jedenfalls reicht das dieses Jahr.“

Er nickt nur unmerklich und läuft los. Ich sehe ihm nach, wie er leichtfüßig und federnd den schrägen Gartenweg hinab geht, bevor ich hinter ihm her stapfe. Während das Tragen der schweren Eimer bei mir wie der Gang eines überladenen Lastesels wirkt, scheint Alvan das Gewicht gar nicht zu spüren. Kurz darauf verteilt er den Kompost mit den Händen. „Und?“ Er dreht einen der Eimer um, setzt sich darauf und klopft sich die Erde von den Fingern. „Wie war das mit Ostern?“

Nachdem ich auch meine Last verteilt habe, setzte ich mich neben ihn auf eine Stufe des Gartenweges. „Seitdem wir ausgestiegen sind, spielen die Feiertage gar keine so große Rolle mehr. Und im Moment mit Corona noch weniger. Normalerweise treffen mein Mann und ich uns mit der Familie, aber das lassen wir dieses Jahr lieber. Für Ausflüge in die Natur gibt es bessere Tage, Tage, an denen es im Wald einsam ist. Wir sind sowieso jede Woche unterwegs, joggen oder fahren mit dem Moutainbike durch den Taunus.“  Nachdenklich beobachte ich eine Wildbiene, die sich auf dem Beet feuchte Erde für ihren Bau holt. Bei unseren Bienenhotels ist noch nicht so viel los wie sonst um diese Zeit und ich hoffe, dass die Bienchen dieses Jahr aufgrund der kühlen Witterung einfach nur ein wenig später schlüpfen. „Wir werden es die Feiertage einfach etwas ruhiger angehen lassen, etwas Gutes kochen und eine Flasche Wein trinken.“ Diese Woche haben wir bereits die ersten Beete bearbeitet und Kompost umgesetzt. Da wird uns die Ruhe gut tun.